Toni Erdmann (2016) – Wenn Ernst und Unsinn kollidieren

Toni Erdmann, 2016 DE — 162 Min — FSK: ab 12 Jahren — Regie & Drehbuch: Maren Ade — Cast: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Trystan Pütter, Ingrid Bisu, Vlad Ivanov, Hadewych Minis, Lucy Russel — Verleiher: NFP/Filmwelt — Kinostart: 14.07.2016 — Webseite

Toni Erdmann, das ist ein erfundener Name von Winfried Conradi (Peter Simonischek), der versucht, sich durch sein Alter Ego in die Berufswelt seiner Tochter Ines (Sandra Hüller) einzuschleusen, um wieder mehr Zeit mit ihr verbringen zu können und sie glücklich zu machen. Dabei muss er feststellen, dass sich die beiden ziemlich stark auseinandergelebt haben, und dass man manchmal dazu gezwungen ist, skurrile Maßnahmen anzuwenden, um jemanden zu erreichen, zu dem man die Verbindung verloren hat. Diese Thematik wird uns, obgleich einer relativ langen Laufzeit, nie zu penetrant aufgebunden. Der scheinbar simplen Ausgangssituation trotzend kommt keine Langeweile auf, im Gegenteil: Maren Edes dritter Spielfilm ist eine kurzweilige Komposition aus hervorragenden Dramaturgie- und Charaktermomenten, aus der man sich keine einzelne Szene wegdenken will, da im großen Zusammenhang alles wunderbar ineinander passt.

Harmonische Dissonanzen

Toni Erdmann Bild 1Peter Simonischek und Sandra Hüller harmonieren und diskutieren einzigartig dynamisch auf der großen Leinwand. Es fühlt sich an, als hätten die beiden tatsächlich vor Ewigkeiten eine uns nicht näher bekannte Vergangenheit zusammen verbracht, und würden nun erneut aufeinandertreffen. Das Schauspiel der beiden wirkt oft nüchtern und authentisch, manchmal auch leicht überspitzt, aber immer sehr methodisch und gut auf die jeweilige Situation hin abgestimmt. Durch die immer wiederkehrenden Motive von Zu- und Abneigung entfaltet sich ein breites Spektrum an verschiedenen Darstellungsformen, welches oft in obskuren Konfrontationen gipfelt. Mal steht der eine völlig nackt da, mal der andere komplett kostümiert.

Auch in der Bildsprache wird die Konfrontation deutlich gemacht. In einigen Situationen bekommen wir die Position der Figuren direkt durch die Kameraperspektive und ihre szenische Haltung zueinander mitgeteilt. Um das Charakterspiel nicht unnötig zu unterbrechen, ist Maren Ade zwar äußerst zurückhaltend in ihrer Inszenierung, doch schafft sie es, uns über die Komposition ihrer Bilder einiges subtil mitzuteilen. Oft werden die Präsenzen von Vater und Tochter im Dialog oder in Interaktion mit anderen Figuren zusammen gegeneinandergestellt und geschickt verwendet, um einen dezenten aber nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Bei einer Szene in einer Bar sitzen die beiden im Kreis von Ines Arbeitskollegen zwar nebeneinander, Wilfried wirkt aber durchgehend abgekapselt von der Gruppe. Ines versucht inzwischen sich so aktiv zu beteiligen wie nur möglich. Als Wilfried seiner Tochter schließlich näherkommen will, schüttelt sie ihn kaltherzig ab.

Tragik im Humor

Toni Erdmann Bild 2Toni Erdmann besteht aus vielen kleinen Botschaften, die für den Zuschauer wohl vor allem im Nachhinein ihre Bedeutung entfalten werden, und teilt sie uns über seinen stellenweise schrulligen Humor mit. Jeder Witz ist hier jedoch auch mit Tragik verbunden. Wo das Publikum sich auf den ersten Blick dazu aufgefordert fühlt laut loszulachen, steckt meist mehr dahinter. Sensible Momente werden mit einem feinen Schleier umwoben und uns nicht eingetrichtert, sondern sie lösen sich in der Atmosphäre des Films auf und zeigen erst später ihre Wirkung. In einer sehr melancholischen Discoszene werden wir auf einmal nur so überrannt von Emotionen. Einen genauen Ursprung scheint diese unerwartete Schönheit nicht zu haben, sie löst sich aus dem Gesamtkontext.

Maren Ade kaschiert ihre Aussagen jedoch nie hinter den Albernheiten, sie schafft es tatsächlich, beide zu kombinieren. In einem sehr denkwürdigen Moment des Films ist Wilfried aus Versehen für die Entlassung eines Mitarbeiters einer Firma verantwortlich, die Ines und er gerade besuchen. Auch seine Anmerkung, das sei nur ein Scherz gewesen, hilft da nicht mehr. Am Ende rät er den Mitarbeitern, trotz der vorangegangenen Geschehnisse, doch bitte nicht den Humor zu verlieren. Das zentrale Thema des Films, das sich auch in der Schlussszene wieder deutlich manifestiert, wird hier direkt angesprochen. Möglicherweise ist Wilfried ein Spinner und erreicht mit seinen Taten nicht, dass seine Tochter ihre Natur von nun an plötzlich ändert, doch mit ein bisschen Humor und Verrücktheit ist es möglich, die Menschen nachdenklich zu stimmen, und wenn es nur von kurzer Dauer ist.

Fazit

Daumen HochToni Erdmann ist ein Film, der Gegensätze kollidieren lässt. Der Ernst der Arbeitswelt trifft hier auf den kindlichen Unsinn, den ein Mann verbreitet, um die Beziehung zu seiner Tochter aufrechtzuerhalten. Am Ende lässt er uns, passend zur antithetischen Konstellation, zwar gewissermaßen befriedigt, doch innerlich auch tieftraurig zurück. Ohne Zweifel aber ist er einer der kostbarsten und kreativsten Filme, die das deutsche Kino in den letzten Jahren zu bieten hatte. Ob er seine Bilder so intim in uns verankern wird, wie er es am Ende ausdrücklich anstrebt, bleibt nur uns selbst überlassen.

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