Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück (2015) – Konvention frisst Ambition (DVD)

Colonia, 2015 DE/FR/LU — 110 Min — FSK: ab 16 Jahren — Regie: Florian Gallenberger — Drehbuch: Florian Gallenberger, Torsten Wenzel — Cast: Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist, Richenda Carey, Vicky Krieps, Jeanne Werner, Julian Ovenden, Martin Wuttke — Verleiher: Majestic — Erscheinungsdatum: 04.08.2016 — Webseite

Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück erschafft eine erfundene Geschichte rund um einen historischen Kontext. Wir schreiben das Jahr 1973, es ist der 11. September, hunderttausende Menschen gehen in Chile auf die Straße und protestieren gegen den Militärgeneral Pinochet, der gerade durch einen Putsch an die Macht gekommen ist. Unter den Demonstranten befinden sich auch Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl), die mitten in der wirren Menschenmenge stecken, als der chilenische Geheimdienst Daniel festnimmt und an einen unbekannten Ort verschleppt. Als Lena herausfindet, dass er in die Colonia Dignidad deportiert wurde, beschließt sie, sich selbst in die Sekte einzuschleusen, um nach ihm zu suchen.

Zwischen Wahrheit und Fiktion

Colonia-Dignidad Bild 1Regisseur Florian Gallenberger hat sich mehrere Jahre für die Recherche seines vierten Spielfilms Zeit genommen, um die Geschehnisse möglichst wahrheitsgemäß zu reproduzieren. Dank der Fakten, die er in den Plot eingeflochten hat, bekommen wir als Außenstehende eine fundierte Vorstellung davon, wie die Dinge in der isolierten Gemeinde vor sich gingen. Der Film läuft noch nicht lange, schon stehen wir neben Emma Watson auch selbst hinter den elektrischen Zäunen und sehen diese eigene kleine Welt von innen. Neben ein paar durchaus ansprechenden Erzählsträngen rund um das Paar, das versucht einen Ausweg aus der Einrichtung zu finden, verläuft er sich jedoch rasch bei dem Unterfangen, gleichzeitig ein packender Thriller und ein aufklärender Historienfilm zu sein.

Die wahren Tatsachen, die hinter Colonia Dignidad stecken, sind deutlich faszinierender und spannender als die Fiktion, die der Film um sie herumspinnt. Gallenberger macht uns zwar vordergründig mit den Tatsachen vertraut, doch während der Sichtung bekommt man mehr Lust darauf, eine Dokumentation zum Thema einzuschalten, als weiter zuzusehen. Die Romanze, auf der die Dramaturgie basiert, ist grundsätzlich nicht deplatziert, doch reicht sie auch nicht aus, um sich aufrichtig mit der Materie auseinanderzusetzen. Eine Handlung, die direkt von einem Mitglied der Kolonie ausginge, hätte sich eventuell als die interessantere herausgestellt. Gerade in den Figuren, die aus der Mitte der Sekte entspringen, steckt nämlich auch das größte Potenzial.

Für das Publikum glattgebügelt

Colonia Dignidad Bild 2Insbesondere sind es Sektenführer Paul Schäfer (Michael Nyqvist), Aufseherin Gisela (Richenda Carey) und die junge Ursel (Vicky Krieps), mit der sich Lena anfreundet, die geradezu nach mehr Aufmerksamkeit schreien. Im Vergleich dazu bleiben nicht nur die Charaktere von Daniel Brühl und Emma Watson auf der Strecke, auch die beiden Schauspieler selbst schaffen es nicht, den Film noch aufzuwerten. Während Brühl vom Drehbuch in unangenehmes Terrain geschickt wird, das ihm nicht zu liegen scheint, bedient sich Watson den ganzen Film über aus einer Palette an dramatischen Blicken, ohne es zu bewerkstelligen, ihrem Schauspiel auch multispektral Ausdruck zu verleihen. Nyqvist hingegen verkörpert den Blickfang des Films, da er sich zwar an traditionellen antagonistischen Motiven orientiert, jedoch nie zu herkömmlich, sondern stets nuanciert und einfallsreich auftritt.

Am Ende scheitert Gallenbergs Film weder an seinem Skript noch an seiner Regie, denn er weist durchaus einige denkwürdige Szenen und gut funktionierende Spannungsmomente auf, er scheitert daran, dass er seine Ambition, eine relevante und nahezu unberührte Geschichte zu erzählen, der Konvention unterordnet, sie möglichst simpel und zuschauerfreundlich wiederzugeben. Nicht nur scheinen Brühl und Watson heroische und unkaputtbare Figuren zu verkörpern, die dem schrecklichen Leid der realen Ereignisse so nicht gerecht werden können, auch wirken das Hollywoodende und die Tatsache, dass in einer deutschen Siedlung voller Menschen mit deutschem Hintergrund niemand auch nur ein Wort Deutsch miteinander spricht, äußerst inkonsequent und realitätsfern. Wenn man versucht es allen recht zu machen, geschieht es all zu oft, dass man vergisst, was man ursprünglich erzählen wollte.

DVD-Extras

Colonia Dignidad DVDNeben dem Hauptfilm befinden sich auf der DVD noch folgende Extras:

  • Featurettes (Die Stars, die Geschichte und die Premiere)
  • Hinter den Kulissen
  • Trailer und Spots (Teaser, Trailer, US-Trailer, TV-Spot #1, TV-Spot #2)
  • Sky – Neu im Kino
  • Bildergalerie

Fazit

Daumen MitteColonia Dignidad – Es gibt kein Zurück zerschellt daran, dass er seinen Ehrgeiz nicht mit den Vorschriften, denen er sich unterordnet, kombinieren kann. Am Ende bleibt ein unausgewogener Film über, der leider weit unter seinen Möglichkeiten bleibt, uns aber Lust darauf macht, mehr über die Ereignisse zu erfahren.

Trailer

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