Herbert (2015) – Angenehme Selbstverständlichkeit (DVD)

2015 DE — 109 Min — FSK: ab 12 Jahren — Regie: Thomas Stuber — Drehbuch: Thomas Stuber, Clemens Meyer — Cast: Peter Kurth, , Edin Hasanovic, Lena Lauzemis, Lina Wendel, Reiner Schöne, Peter Schneider, Marko Dyrlich — Verleiher: Wild Bunch — Erscheinungsdatum: 07.10.2016 — Webseite

In seiner Essenz erzählt Herbert die Geschichte eines Dinosauriers, eines Menschen, der in seinem Alltag keine Perspektive sieht und der sich bewusst ist, dass er in der aktuellen Gesellschaft streng genommen gar keinen Platz mehr hat. ‚Der Stolz von Leipzig‘, so hatte man das Kraftpaket (gespielt von Peter Kurth) mal betitelt, als er noch im Ring stand, und zu den Hoffnungsträgern der Boxszene gehörte. Diese Zeiten sind schon eine ganze Weile vorbei, mittlerweile benutzt Herbert seine Muskeln nur noch als ein gelegentlicher Geldeintreiber und Türsteher. Eine plötzliche Krankheitsdiagnose verändert sein ganzes Leben und bringt ihn dazu, seine Vergangenheit noch einmal zu reflektieren.

Filmische Kommunikationsmittel

herbert-bild-1Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stuber beweist in seinem Spielfilmdebüt ein feines Händchen für Bildsprache und eine ansprechende Charakterzeichnung. Herbert wird uns im gleichnamigen Film simpel und effektiv vorgestellt, sodass wir seine Motivation und Gefühlslage mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit zu spüren bekommen. Schnelle Schnitte und eine Reihe von Detailaufnahme führen die Figur ein, der wir primär nur dabei zusehen, wie sie ihren Alltag bestreitet. Dazu setzt das Drehbuch auf minimalistische Erzählstrukturen. Die Konstellationen der Figuren zueinander stehen schnell fest, die Dialoge werden oft nicht ausgesprochen, sondern über filmische Mittel transportiert. Erst als Herbert im späteren Verlauf des Films kaum noch reden kann, beginnt er wirklich viel zu kommunizieren.

Weniger ausdrucksvoll bleibt dagegen der Filmscore von Komponist Bert Wrede. Dramatisch dröhnend versucht er uns die Emotionen aufzubürden, zeigt aber kein Gespür dafür, konkrete Gefühle zu generieren. Monotone Streicher ackern eine Akkordfolge nach der Anderen herunter, selbst in Momenten, in denen Musik überhaupt nicht nötig gewesen wäre, nein sogar fehl am Platz ist. Das wertet die sonstigen Kompetenzen von Herbert nicht ab, doch es nervt, selbst wenn man versucht nicht darauf zu achten.

Mehr als ein Krankheitsbild

herbert-bild-2Wir merken sehr bald, dass Herbert kein abgestumpfter Affenmensch ist, der nur aus Gewaltbereitschaft und Angst besteht. In seiner Wohnung besitzt er ein Aquarium, in dem er Fische hält. Begibt er sich zur Betrachtung seiner Mitbewohner an die Scheibe dessen, setzt er eine Brille auf – er versucht die Schönheit genauer zu observieren. Doch er kann noch so oft seine Finger sanft über das Glas streichen lassen, er wird sie niemals berühren können. Nicht nur seine physische Schwächung, nein auch diese Schönheit macht Herbert zutiefst krank, was wir später auch gut am Verhalten zu seiner Tochter und seiner Enkelin beobachten können. Er versucht zwar eine Verbindung zu seinen Liebsten herzustellen, doch er weiß selbst schon, dass es dafür eigentlich zu spät ist.

Thomas Stubers Film ist mehr als ein Krankheitsbild. Er öffnet die Psyche des Menschen Herbert und kehrt sie immer weiter nach außen. Wirkt unser Protagonist am Anfang noch stark und mächtig auf uns, so wird er später zum Schwächling, zu einem hilflosen alten Mann, der wehrlos auf der Straße verprügelt wird. In dieser Perspektivlosigkeit und dem stetigen Kampf um einen Platz in der Gemeinschaft findet sich auch eine schöne Allegorie zum Zustand vieler Menschen im realen Ostdeutschland.

DVD-Extras

herbert-dvdNeben dem Hauptfilm findet man auf der DVD noch Interviews mit Hauptdarsteller Peter Kurth, sowie Regisseur Thomas Stuber und Drehbuchautor Clemens Meyer.

Fazit

Daumen Schräg HochHerbert setzt sich sehr sensibel mit einem Menschen auseinander, der in seinem Umfeld schon längst als ausgestorben gilt. Dabei widmet er sich bis kurz vor dem Ende mehr seinen Figuren und weniger der Krankheit selbst. Peter Kurth brilliert in einem beeindruckend sanft erzählten und sehr schön bebilderten Drama.

Trailer

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