Die rote Schildkröte (2016) – Im Einklang

La tortue rouge, 2016 FR/JP/NL — 81 Min — FSK: ab 0 Jahren — Regie: Michael Dudok de Wit – Drehbuch: Pascale Ferran, Michael Dudok de Wit — Verleiher: Universum Film — Kinostart: 16.03.2017 — Webseite

Alles fing an mit einer Mail vom Studio Ghibli. Ein Mail an den niederländischen Regisseur Michael Dudok de Wit, in der zwei Fragen gestellt wurden: Ob das Studio seinen Kurzfilm Father and Daughter in Japan vertreiben dürfe, und ob er Lust habe, einen Langfilm für das Studio zu drehen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand schließlich Die rote Schildkröte, Ghiblis erster nicht-japanischen Film, und gleichzeitig der erste Spielfilm von Dudok de Wit. Ein Film ohne Dialog, der von einem Mann handelt, der auf einer einsamen Insel strandet, und rasch feststellt, dass die Natur um ihn herum einige Überraschungen für ihn bereithält.

Schnelllebige Momente

Wo der Plot als ruhige Erkundungstour und einseitige Erzählung beginnt, wird kurz darauf nicht davor zurückgescheut, in zukünftige Zeitebenen und neu hinzugewonnene Perspektiven zu springen. Dabei lässt sich der Film meist nicht die Zeit in inszenatorisch bewegten Momenten zu verweilen, und hinterlässt so einige Szenen leicht unbefriedigend. Wir sehen unseren Protagonisten in einer Traumsequenz eine Brücke über das Wasser finden, auf der er rennt, bis er – nach Ghibli-Manier – beginnt zu fliegen. Die emotionale Ladung dieser Szene steigt gerade bis zu dem Punkt, an dem wir mit ihm fliegen wollen, bricht jedoch dann abrupt ab.

Der Score zeigt sich meistens zurückhaltend in leisen, aber anspannenden Streichertönen, die für die jeweiligen Situationen einen emotionalen Beistand darstellen. Zu keiner Zeit vermissen wir Wortlaute. An vielen Stellen sind Ton und Bild eng miteinander verwoben: Nicht nur werden oft natürliche Klänge wie Regen oder das Zirpen von Grillen dafür benutzt, um Umgebungsgeräusche in die Farbe des Films einfließen zu lassen, auch erlangen besagte Streicherklänge in träumerischen Szenen eine materielle Form.

Ein Teil der Welt

Der Mensch und seine Beziehung zur ihn umgebenden Natur sind ein Thema, das bereits vielen Werken als Grundlage diente, und das die Kunst generell für immer beschäftigen wird. So geht es auch in Die rote Schildkröte für den Menschen darum, seinen Platz in der Natur zu finden. Einst aus ihr entsprungen, wirkt der Mann zunächst wie ein fremdes Wesen auf seine Umgebung, eine Kreatur aus einer anderen Welt, die hier nichts verloren hat. So wie er sich anfangs von der Insel abgrenzt, so setzten sich auch die minimalistisch gezeichneten Figuren sehr deutlich von ihrem Hintergrund ab, durch den sie sich bewegen. Und doch entdecken wir mehr und mehr, dass es keine Scheide geben muss, zwischen uns und der Welt, die uns umgibt.

Immer wieder wird die Hauptfigur von der Natur behindert oder zurückgeworfen. Eine große rote Schildkröte – titelgebend für den Film und Inkarnation für das Thema der Natur – rammt das Floß des Mannes jedes Mal, wenn er wieder versucht von der Insel zu entkommen, doch ihm selbst will sie nichts anhaben. In wütender Affekthandlung greift der Mensch zur Gewalt und räumt die Schildkröte aus dem Weg, erst im Nachhinein erkennt er seinen Fehler und zeigt Reue. Er erweist sich der Natur gegenüber als hilfsbereit und wird dafür belohnt. Diese Beziehung im Film beruht auf einem Nehmen und Geben.

Alles kann uns fremd erscheinen und sich doch als bekannt herausstellen, alles uns als Gegensätze präsentiert werden, und doch in Liebe zusammen existieren. Ist die Natur am Ende etwas, das wir überwinden müssen? Etwas das in unserem Weg steht? Unserem Weg wohin? Für Dudok de Wit bleibt sie eine unüberwindbare Kraft, mit der wir uns versöhnen müssen, um glücklich sein zu können. Eine Möglichkeit, aus der wir all unsere Inspirationen schöpfen dürfen, wenn wir sie nur gut behandeln, und uns nicht über sie stellen. Denn wir stehen nicht über der Natur, wir sind ein Teil von ihr.

Fazit

Die rote Schildkröte konfrontiert in ruhigen Bildern Menschen und Natur miteinander und hinterfragt immer wieder die Beziehung der beiden zueinander. In nuancierten und stimmungsgeladenen Szenen trifft Michael Dudok de Wit fast immer die richtigen Töne, um den Zuschauer zu berühren.

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2 Gedanken zu “Die rote Schildkröte (2016) – Im Einklang

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