Sieben Minuten nach Mitternacht (2016) – Die verdrängte Wahrheit

A Monster Calls, 2016 US/ES — 109 Min — FSK: ab 12 Jahren — Regie: J.A. Bayona — Drehbuch: Patrick Ness — Cast: Lewis MacDougall, Liam Neeson, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Toby Kebbell, Ben Moor, James Melville, Geraldine Chaplin — Verleiher: Studiocanal — Kinostart: 04.05.2017 — Webseite

Wahrheit ist ein zweischneidiges Schwert. Jeder Mensch strebt nach der Wahrheit, will sie aufdecken und ergründen, doch manchmal fällt es uns schwer die Wahrheit einzusehen oder auszusprechen, weil wir uns ihr dann gegenüberstellen müssen und die Gefahr besteht, dass wir erfahren, was wir im Hinterkopf schon längst wussten, aber immer wie einen bösen Albtraum behandelten. So verstecken wir uns alle hinter angenehmen Lügen. Zum Beispiel nehmen wir an, dass die Marke, von der wir unsere Kleidung kaufen, doch nicht so viel Dreck am Stecken haben kann, wie es immer behauptet wird, oder wir sagen jemandem, dass es uns gut geht, nur weil wir nicht darüber sprechen wollen, was wirklich in uns vorgeht.

Der junge Connor (Lewis MacDougall) muss sich ebenfalls mit einer unangenehmen Wahrheit auseinandersetzen, und zwar mit dem unausweichlich näherrückenden Tod seiner krebskranken Mutter (Felicity Jones). Unterbewusst erweckt er ein uraltes Monster zum Leben, einen sprechenden Baum (Liam Neeson), der ihm drei Geschichten erzählen will, bevor er von Connor fordert, seine Geschichte zu erzählen. In Sieben Minuten nach Mitternacht findet so eine Trauerbewältigung der anderen Art statt; gewissermaßen ein Kampf um die verdrängte Wahrheit, die unerträglich scheint, jedoch überwunden werden muss.

Lektionen der Trauer

Dabei gerät Connor ständig in die Position, in der er sich selbst und die Beziehung zu seinem Umfeld hinterfragen muss. Wie im Wutrausch zerstört er das Wohnzimmer seiner Großmutter, weil er es nicht so einfach ertragen will, aus seinem ehemaligen Zuhause gezogen zu werden. Im Nachhinein sieht er zwar ein, dass Zerstörung durchaus ein Mittel zum Wutabbau sein kann, jedoch auch, dass man seine Wut nie auf andere Menschen projizieren sollte. Er erkennt, dass seine Großmutter ihre eigene Art hat, mit der Situation umzugehen, und dass die beiden sich zwar nicht gut miteinander verstehen, doch dass sie im selben Bot sitzen.

Connor wird im Film einiges zugetraut, was sich mit ausgesprochen positiven Gedanken ans jüngere Publikum richtet. Er wird vom Zuschauer als Protagonist ernst genommen, und obwohl die Außenwelt oft unfair zu sein scheint, so bleibt sie doch durchgehend einleuchtend. Gerade in der Rolle des Vaters sehen wir eine Figur, die nicht ihre ganze Energie in Connor steckt, und am Anfang auf mangelnde Einsicht stößt. Als sie jedoch mit der Versorgung einer weiteren Familie einen plausiblen Grund für ihr Verhalten vorlegt, trifft auch sie auf Verständnis.

Intelligente Designentscheidungen

Nicht nur sein inneres Leben macht aus Sieben Minuten nach Mitternacht einen sehenswerten Film, auch auf einer distanzierteren Ebene funktioniert die Romanverfilmung überraschend gut. Liam Neeson als lehrreicher Baumgeist erweist sich schnell als ausgesprochen intelligentes Casting, weiß er mit seiner tiefen dominanten Stimme doch genau, wie er uns zum Zuhören verleitet. Weiter optimiert wird das Ganze durch visuell ansprechende Einfälle bezüglich des Designs des Baums und des kontrastreichen Animationsstils, der für die Erzählung der Märchen verwendet wurde.

Fazit

Sieben Minuten nach Mitternacht kehrt auf spektakuläre Art die innere Gefühlswelt eines jungen Menschen nach außen, der sich mit dem Verlust seiner Mutter auseinandersetzt. Dabei traut er sowohl seinen Figuren als auch seinem Publikum erfreulich viel zu.

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2 Gedanken zu “Sieben Minuten nach Mitternacht (2016) – Die verdrängte Wahrheit

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